Leseprobe

Rock is a drug

Feiern war angesagt. Im Hotel stylten wir uns für die Nacht, Haarspray und die Limousinen standen bereit, ein Mitarbeiter der Konzertagentur sollte uns begleiten. Gegen zweiundzwanzig Uhr fuhren wir los. Wir Jungs saßen mit der Roadcrew auf den Rücksitzen der Karossen. Im Stadtteil Roppongi gab es einen Club, der Tokio hieß und uns empfohlen worden war. Der Laden wurde hauptsächlich von internationalen Models, Rockstars und Schauspielerinnen besucht, die sich in der Stadt aufhielten und Spaß haben wollten. Die Türsteher am Eingang erkannten uns sofort; ohne Eintritt zu bezahlen, wurden wir gleich hineingebeten.

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Blitzschnell wurde für uns ein Tisch frei gemacht, und man hofierte uns mit Champagner und den aktuellsten internationalen Cocktails. Das Tokio war rappelvoll, auf den üppigen Polstern saßen die Schönheitsköniginnen dieser Welt – auf der Suche nach dem Superstar ihrer Wahl. Wir mussten die Guten sein, denn das hier war das Paradies.
Ein Glas Schaumwein, ein kurzer Tanz mit einem der Paradiesvögelchen, und schon haHe man eine neue Freundin. Nach dem Motto: »Heute nehm ich mal ’ne Blonde«, suchten
sich die Jungs ihre Mädchen aus, als wenn man Pflaumen vom Baum
pflückt.

Uwe war wie immer der Blickfang des Abends. Perfektes Makeup. Perfektes Outfit. Wallendes blondes Haar. Weltmännische Eleganz. Alle Frauen standen auf ihn. Und auch einige der männlichen Gäste. Ich hielt mich im Partygetümmel zurück und nahm die Rolle des Beobachters ein – als mir Lisa über den Weg lief. Sie wurde von ihrer ebenso langbeinigen
Freundin begleitet, die ebenfalls Lisa hieß. Beide waren Models und auf edelste Art und Weise zurechtgemacht, sie trugen High Heels und hautenge rote bzw. schwarze kurze Lederröcke und kamen aus Toronto, Kanada. Ich stand gerade an der Bar und gab eine unverhältnismäßig große alkoholische Bestellung für Jürgen, Uwe und mich auf. »Is that all for you?«, fragte Lisa wimpernklimpernd. »Help yourself«, ich hielt ihr ein RiesentableH mit Getränken entgegen. Sie war mit 1,70 Meter für ein Model recht klein, sah aber echt cool aus. Aber hier sah schließlich alles cool aus. Eine halbe Flasche Jack Daniel’s, später haHe ich sie an der Hand und zerrte sie auf die Tanzfläche. Dort machte sich Jürgen schon mit seiner Freundin breit. Jürgen ist der, der immer als Letzter die Party verlässt, aber als Erster aufkreuzt. Der Mensch findet einfach kein Ende. Egal, was er macht.

Lisa und Lisa haHen das zwangha`e Bedürfnis, auf allen Tischen und Bartresen, die sich in der Nähe befanden, en[esselt zu tanzen und sich dabei die Kleider vom Leib zu reißen, wozu sie nicht lange brauchten. Diskokugeln funkelten im Halbdunkel des Clubs und befeuerten die Partygesellschaft auf der Tanzfläche mit flackernden bunten Lichtreflexen. Holly Johnson von Frankie goes to Hollywood hauchte sein nasales Relax, don’t do it, when you want to come, I’m coming, I’m coming Yeah, Yeah, Yeah in die Lautsprecher, die Bassdrum ließ die Cocktails auf den Tresen vibrieren. »Legs« von ZZ Top, »I want a new drug« von Huey Lewis & the News peitschten uns durch die Disko. Bodennebel umhüllte unsere verschwitzten Leiber, die anscheinend nur darauf gewartet haHen, sich zu finden und zu vereinigen. Schminkeverlaufene Augen schmachteten sich vielversprechend an. Als »99 Lu`ballons« gespielt wurde, war die Stimmung auf dem Höhepunkt. Alle brüllten mit. Internationale Akzente mischten sich zu einer neuen Coverversion unseres Hits.

 

text_s-163Ein Urwald von blonden und schwarzen Mähnen wehte im Takt der brüllend lauten Musik durch die Lu`. Knallenge Hosen, die im SchriH erkennen ließen, wo das alles  hinführte, rieben sich aneinander. Feuchte Arme mit Nieten- und Schweißarmbändern verbanden sich, gierige Hände suchten nach nackter Haut und wollten mehr, mehr mehr. Niemand geht heut Nacht allein nach Hause. Der Laden kochte über. Im Achtziger-Jahre-Beat rockten wir  durch Raum und Zeit, Richtung Unendlichkeit. In dieser Stimmung wurde getrunken,  getanzt, geraucht und rumgemacht.

Alles auf einmal und sofort.
Ich musste aufs Klo.
Ich schwankte.
Ich kann auch anders‚ sagte der Alkohol zu mir.
Ich spuck dich wieder aus, antwortete ich.
Konzentriert vor mich hin starrend, navigierte ich mich durch einen schmalen, mit Neonlampen erhellten Gang auf die ToileHentür zu, als ein unscheinbarer, bis in die Haarspitzen gegelter Typ auf mich zusteuerte. »Excuse me.« Sein makelloses Make-up warf nicht eine Falte beim Sprechen. »Hi«, quälte ich mich.

Er trat einen Schritt zurück, lächelte mich an und streckte seinen rechten Arm nach mir aus. Meine Miene verfinsterte sich. Ruckartig gab seine Faust seine Handfläche frei. »You know, I just bought some of these pills. But I don’t know which one I should take?” Mein Blick fiel auf zwei weiße, eine blaue und eine gelbe Pille in seiner Hand. Mir war speiübel. »Just take’em all!« war alles, was mir dazu einfiel, und ich stürzte auf die letzte freie Klotür zu.
Es war vier oder fünf Uhr morgens. Keine Ahnung. Auf jeden Fall machte der Laden gerade dicht. War es der nächste oder übernächste Tag? Es wurde langsam hell. Außer Atem keuchten Jürgen, Lisa, Lisa und ich nach draußen an die frische Lu`. Uwe rauschte mit wehenden Tüchern um den Hals an uns vorbei und schob ein Model in eine Limousine. Nach und nach folgten unsere Roadies in bester Laune mit ihren Eroberungen und verschwanden in der Nacht. Wo waren eigentlich Jim und Carlo? Zu viert torkelten wir weiter durch verschiedene Bars, wo der Spaß nie zu enden schien. Irgendwann war dann aber schlagartig Schluss. Wir standen am Rande einer Haupverkehrsstraße miHen in Tokio, verabschiedeten uns sturzbetrunken von unseren Tanzpartnerinnen mit den Topmaßen und verabredeten uns für den nächsten Tag.